Hausfrau - Jill Alexander Essbaum

Hausfrau: A Novel - Jill Alexander Essbaum

Wohin geht eine Frau, wenn es keinen Weg zurück gibt? Anna Benz, eine Amerikanerin Ende dreißig, lebt mit ihrem Schweizer Ehemann Bruno und ihren drei kleinen Kindern in einem Postkarten-Vorort Zürichs. Von außen betrachtet führt sie ein komfortables, abgesichertes Leben; im Inneren bricht sie auseinander. Jill Essbaum hat ein atemberaubend kraftvolles Debüt geschrieben. In der kunstvoll arrangierten Geschichte folgen wir einer Frau auf dem Weg in den Abgrund: gleichzeitig fasziniert und schockiert von der elektrisierenden Anna. Eine Protagonistin, die den Leser in den Bann schlägt.

 

 

 

Das Buch würde besser "Ehefrau" heißen anstatt "Hausfrau", denn Anna sagt von sich selber, das sie eine gute Ehefrau ist. Meistens jedenfalls. Zwar ist sie strenggenommen eine Hausfrau, da sie keinen Job hat und zu Hause bei den Kindern ist, aber es geht eher um sie als Frau, als Ehefrau.

Anna ist Amerikanerin. Sie hat den Schweizer Bruno geheiratet und ist ihm nach Zürich gefolgt. Dort haben sie inzwischen 3 Kinder. Fast 10 Jahre ist sie in der Schweiz, aber sie fühlt sich immer noch fremd, spricht kaum die Sprache. Aber diese Isolation ist selbstgewählt. Anna hat Probleme mit sich selber, sie ist lieber allein als mit anderen zusammen. Ihrem Mann hat sie sich auch entfremdet. Und Anna geht fremd. Sobald sich die Gelegenheit ergibt. Sie ist ein extrem passiver Mensch, und sie mag es, gewollt zu werden. Wenn also ein Mann sie will, dann gibt sie nach. Sie füllt die Leere in sich mit Sex. Kein romantisches Liebemachen sondern Sex. Die Autorin findet dafür kalte und klinische Worte. Die Sexszenen sind drastisch, aber nicht zu plakativ. Vor allem sind sie gefühlsarm, kalt, hart. Man merkt, das sie für Anna nur Füllmaterial für ihr als leer wahrgenommenes Leben sind. Manche Menschen füllen ihre innere Leere mit Essen, andere mit Shoppen. Anna füllt es mit Sex. Einmal. das gab es jemanden. Da dachte sie, es wäre anders. Sie hegt diese Erinnerung tief in sich drin, aber sie trägt dazu bei, das sich Anna so leer und traurig fühlt.

Mich hatte das Buch von dem ersten Satz gleich abgeholt. Die Autorin hat einen sehr eigenen Schreibstil. Mir hat er unglaublich gut gefallen. Sie findet ungewöhnliche Metaphern, ungewöhnliche Vergleiche. Anna nimmt dann doch endlich an einem Deutschkurs teil. Die Regeln der deutschen Sprache finden sogleich Widerhall in Annas Leben. Das ist geschickt gemacht. Immer wieder sind auch die Gespräche mit Annas Therapeutin eingestreut. Annas Mann Bruno hat sie zu dieser Behandlung geschickt. Denn das Anna Probleme hat, ist ihm bewusst. Man sieht die Handlung nur aus Annas Sicht, deswegen sieht man sie nie von außen. Aber schon bald wird klar, das Anna schon länger unter Depressionen litt.

Anna ist eine schwierige Figur. Sie ist verwöhnt und selbstmitleidig. Sie tut sich selber leid, sie fühlt sich so unendlich einsam. Ihr Mann Bruno kommt auch nicht sehr sympathisch rüber, aber man sieht ihn nur durch Annas subjektive Augen. Ich habe mir gedacht, das er wohl schon viel von Annas Launen und Gemütsschwankungen ertragen haben muss. Anna ist viel unterwegs, um ihre Kinder scheint sie sich recht wenig zu kümmern. Die verbringen viel Zeit bei Brunos Mutter, die recht wenig Verständnis für Anna aufbringt. Anna geht von ihrem Deutschkurs direkt zu ihrem Liebhaber, mit dem sie den ganzen Nachmittag verbringt. Sie ist kaum zu Hause, strebt ständig davon, und wenn es nur zum Spazierengehen ist. Sie kann nicht schlafen und sitzt nachts auf einer Bank im Wald. So sehr Anna anstrengt und so sehr sie nervt, weil sie sich selber so leid tut, so sehr kann man aber auch ihr Elend, in dem sie sich selber bzw. ihre kranke Psyche gefangenhält, spüren. Sie hat immer mal guten Willen, will vorbildlich als Mutter und Ehefrau sein, nur um wieder an ihren eigenen Ansprüchen und ihrer Passivität zu scheitern. Ihre Leere, ihre empfundene Langeweile, bekommt sie nicht in den Griff. Insgesamt läuft es genau auf das Ende zu, das die Autorin dann auch so geschrieben hat.

"Hausfrau" sollte man nicht lesen, wenn man selber gerade in einer schlechten Phase ist. Es ist ein trauriges, dunkles, tragisches Buch. Es ist teilweise anstrengend, tritt auch mal in der Mitte auf der Stelle. Auf den ersten Blick erscheint es einfach wie ein Buch über eine gelangweilte Ehefrau in einem fremden Land. Aber unter der Oberfläche, in vielen kleinen Dingen, die so beschrieben werden, kann man den Abgrund ahnen. Ich sage ja immer, das ein Autor, wenn er gut schreiben kann, mir jede Story verkaufen kann. Und das ist hier gelungen. Mir hat der Schreibstil der Autorin so gut gefallen, das ich ihr diese nervige, anstrengende und tragische Figur der Anna abgenommen habe, die vielen klinischen Sexszenen gelesen habe ohne zu gähnen und mir Annas Familie, ihre Kinder, so unglaublich leid getan haben. "Hausfrau" ist ein Buch, wie ich es noch nie gelesen habe. Es mag nicht jedem gefallen, aber es ist sehr eigen, sehr düster, sehr drastisch und auch konsequent. Mir hat es dank des außergewöhnlich guten Schreibstils gut gefallen.