T.C. Boyle - Hart auf Hart

Hart auf hart: Roman - T.C. Boyle, Dirk van Gunsteren

Absoluter Freiheitsanspruch und Verfolgungswahn – T. C. Boyle erkundet in seinem neuen Roman die dunkle Seite der USA. Adam, den seine Eltern nach etlichen Schulverweisen und Therapiesitzungen aufgegeben haben, ist eine wandelnde Zeitbombe: In der Wildnis, wo er ein Schlafmohnfeld angelegt hat, führt er ein Einsiedlerleben und hortet Waffen gegen imaginäre Feinde. Aber es gibt jemanden, der sich in ihn verliebt. Sara hat ebenfalls ausreichend Feindbilder: Spießertum, Globalisierung, Verschwörer und die Staatsgewalt. Als sie Adam am Straßenrand aufgabelt, beginnt eine leidenschaftliche Liaison. Doch bald merkt Sara, dass Adam es ernst meint mit den Feinden, sehr ernst.

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T.C. Boyle, ein großer Name. Ich habe in der Tat noch nicht viel von ihm gelesen, bin bei weitem kein Kenner. Dieses Buch von ihm sprach mich an. Leider schossen schon bald überall Kritiken dazu im Netz aus dem Boden. Und ich fühle mich dem Anspruch, dieses Buch hier nun zu rezensieren, fast nicht gewachsen. Fast fühle ich mich, als dürfte ich mich, die sich sonst nur durch seichte Unterhaltungslektüre liest, hier gar nicht meinungstechnisch herantrauen. Ich versuche es trotzdem.

Sten ist 70 und mit seiner frau Carolee auf Kreuzfahrt. Sie Sonne scheint hart auf sie runter, eben weil sie halt da ist. Sie machen einen Tagesausflug nach Costa Rica, Naturwanderung steht auf dem Plan. Der Busfahrer ist mürrisch, warum macht man sowas überhaupt, setzt sich der Hitze und dem Stress aus, wenn man es auch zu Hause schön haben kann. Dann passiert es. Beim Stopp an der Ankunftsstelle werden die ältlichen Ausflügler überfallen. Sten, Ex-Marine, überkommt die Wut. Während alle betagten Reisenden stumm ihre Wertsachen abgeben, greift er sich einen der auf keinerlei Gegenwehr eingestellten Angreifer und nimmt ihn in den Würgegriff. Etwas zu hart, denn der Feind sinkt tot zu Boden und seine Komplizen ergreifen die Flucht. Sten wird flugs zum Helden, der Geschmeiss vom Boden Costa Ricas entfernt hat. Dabei geht ihm dieses Ereignis näher, als er alle glauben machen will.

Zu Hause muss er sich wieder mit seinem seltsamen Sohn Adam befassen. Dieser ist 25, schon länger verhaltensauffällig. Er lebt abseits, im Haus seiner Großmutter, trägt Tarnanzug und ist in seiner Fantasie der legendäre Trapper John Colter. Adam lernt Sara kennen. Sara ist von Beruf Hufschmiedin und vom Geiste her Verschwörungstheoretikerin. Sie hat bizarre Ideen in Bezug auf ihre eigene Freiheit und der Bewachung und Bevormundung von Seiten des Staates. Bei einer simplen Verkehrskontrolle verweigert sie das Aushändigen des Führerscheins, was viele unangenehme Ärgernisse zur Folge hat, die Sara in ihrer Paranoia nur noch mehr bestärken. Diese kindische Verweigerung ist eine unglaublich bizarre Sache. Sie fühlt sich überwacht und verfolgt von ihrem eigenen Land. Das hat sie mit Adam gemeinsam. Obwohl sie viel älter ist, steht sie ihm in seiner geistigen Verwirrung in nichts nach, und so werden sie „ein Paar“. D.h. sie haben Sex, denn dieses Grundbedürfnis hat Adam in der Tat noch. Und das kann Sara befriedigen.

Sten und Carolee sind erstaunlich blind und nachsichtig, wenn es um Adam geht. Sie erkennen das gefährliche Potential nicht, das in ihrem Sohn schlummert. Ebenso Sara, eine erwachsene, gestandene Frau, die in ihrer Paranoia geblendet ist und durch das vermeintliche Interesse, das ihr der junge, gut gebaute und sexuell überaus agile Adam entgegenbringt, befeuert wird und somit alle nur erdenklichen Ausflüchte für ihn bereit hält. Dann gibt es einen ersten Toten. Alle in der Umgebung machen „die Mexikaner“, die in den einsamen Wäldern Marihuana anbauen, dafür verantwortlich. Aber schon bald stellt sich das als falsch heraus.

Diese um sich greifende Paranoia, diese unglaubliche Angst und das Misstrauen, das alle Beteiligten auf fremdes haben, ist bemerkenswert. Ja, diese ehrenwerten Bürger sind Spießer. Aber Sara z.B. ist für mich so außerhalb jedes Nachvollziehen. Zu denken, dass die Anschnallpflicht im Auto ein Eingreifen in ihre persönlichen Belange wäre, ist in meinen Augen schlichtweg nur dumm. Sie denkt, das macht sie frei, aber zu schauen, das sie mit ihren Gesetzesbrüchen durchkommt, macht sie in meinen Augen weniger frei und eher eingeengter, als wenn sie den Sinn dieser Gesetze und die Regeln für ein gesellschaftliches Miteinander , anerkennen würde. Ihre Freiheit könnte sie anders finden als kindisch gegen das vorzeigen ihres Führerscheins zu trotzen. Vielleicht bin ich ein Bequembürger, aber ich kann nichts heldenhaftes in Saras Verhalten sehen.

„Hart auf Hart“ war ein schwieriges Buch für mich, voller paranoide Gedanken und Wut, für mich eine fremde Welt, anstrengend und vor allem schwer zu rezensieren. Ich habe mich auch hier ein wenig abgemüht mit dem Schreibstil des Autors. So ganz war es nicht meins. Es war mir auch insgesamt zu negativ. Ich habe einige Kritiken zu dem Buch gelesen. Einfach um abzugleichen, ob meine Gedanken dazu irgendwo wieder gespiegelt werden. Am ehesten wurde ich bei der Frankfurter Rundschau fündig und zitiere hier:

 

das Ende ist absehbar und die Botschaft auch: Ein Junge mit Gewehr ist Mist. Dabei beschleicht uns der Verdacht, dass der Wahn und die Wut im Bauch nicht auf Adam beschränkt sind. Es muss gar nicht „diese ganze Heil-Hitler-Polizeistaat-Scheiße“ sein, die Sara aufregt. Ein Grund zum Amoklaufen, so Boyle in schönster Beiläufigkeit, sind schon die Playlisten im Radioprogramm.